Das Meer...

 

24.9.06 02:26, kommentieren

P-Town oder "Von wegen konservativ..."

Freitag, 22.09.2006

Wie schön, aufzuwachen, ohne direkt wieder ans Koffer packen gehen zu müssen. Wie schön, in einem gemütlichen, sehr persönlich eingerichteten Zimmer aufzuwachen, ohne dass uns die ewig gleichen Hotel-Insignien ins Auge fallen. Wie schön, an einem großen Holztisch zu frühstücken, mit gutem Kaffee, frisch gepressten Orangensaft, hübschem weißen Geschirr und richtigem Müsli!

Unsere Unterkunft scheint sich als Glücksgriff zu erweisen. Das Zimmer ist urgemütlich, das Frühstück sehr gut, Dan, unser host, nett und hilfsbereit, Pinky, die Katze, extrem freundlich und zutraulich (trotzdem vermissen wir unsere Tiger natürlich!) und Wellfleet ein angenehm ruhiger und entspannter Ort, dessen Zentrum durch viele kleine Galerien und Antiquitätengeschäfte besticht. Genau das richtige, um auszuspannen, Natur zu erleben, zu tun und zu lassen, wonach uns gerade ist. Die letzten Tage haben wir extrem viel gesehen - da kommt man natürlich soo schnell nicht von ab. Also beschlossen wir beim Frühstück, die ruhige Entspannung von Wellfleet gegen das quirlige Leben in Provincetown, etwa 15 Meilen weiter nördlich und an der Spitze des Capes gelegen, einzutauschen.

Provincetown, oder P-Town, ist so etwas wie das kleine Dorf aus Asterix und Obelix. Ganz Amerika ist von den Konservativen besetzt. Ganz Amerika..? NEIN - konservativ ist P-Town ganz und gar nicht. Das Zentrum der Schwulen- und Lesbengemeinschaft der USA ist bunt. Extrem bunt, extrem vielfältig, trubelig und politisch herrlich unkorrekt. Für konservative Amerikaner wahrscheinlich der Vorhof zur Hölle - für uns einfach herzerfrischend.

Das Straßenbild von P-Town wird beherrscht von Regenbogenflaggen. Auf den Straßen mischt sich ein buntes Völkchen - schwule und lesbische Paare, die ganz unbefangen Hand in Hand gehen, ältere Menschen, junge Familien. In P-Town gibt es unglaublich viele Hunde, besonders Retriever und Labradors, noch mehr Künstler und in der Luft liegt eine Atmosphäre von leben und leben lassen. Die vielen, teilweise recht kruden art cafés und galleries haben ihre Fenster entweder mit lokaler Kunst dekoriert oder bieten Insignien der Hippiezeit an - wild gebatikte T-Shirts, lange, weite Röcke, handgebastelte Perlenketten. Selbst die souvenir shops sind hier anders als anderswo - neben vielen Postkarten mit nackten, gut gebauten Männern (weniger nackte Frauen - das wäre schon wieder zu mainstream...) gibt es jede erdenkliche Schmähung des aktuellen US-Präsidenten zu erwerben. Als Postkarte, T-Shirt, Kaffeebecher, Kühlschrank-Magnet und natürlich "bumper sticker" für's Auto. Originell war der Satz "Somewhere in Texas a village must be missing its idiot" und auch "2009/01/20" nimmt einen Spitzenplatz in der Verkaufshitliste ein - das Datum der Amtseinführung des nächsten (hoffentlich demokratischen) Präsidenten. Makaber dagegen das Bild, das Bush beim der Beerdigung von Johannes Paul II. zeigt - Bush kniet vor dem in roter, zeremonieller Robe aufgebahrten Papst, während über seinem Kopf in einer Sprechblase die Frage steht "What happened to Santa?"...


 

Nach einem Kaffee bei Joe's (fantastischer Caffee Mocha!) werden wir von einem älteren "Bohemien" angesprochen, der uns überreden möchte, am Abend eine Travestieshow im "Governor Bradford" anzusehen. Michael, so heißt der Herr, ist ganz begeistert und betont immer und immer wieder, dass Stephan - den zu ihm redet er hauptsächlich - sich ungemein amüsieren würde. Wir versichern ihm, darüber nachzudenken und danken für den Tip zur Abendgestaltung. Einige Meter weiter wird mein Liebster erneut zum Ziel der eher eindeutigen Ansprache. Als wir an einem Café ablehnen, den daily lunch zu probieren, weil wir schlicht noch nicht hungrig sind, versucht der promoter es mit Schmeicheleien - er würde sich doch soo gerne mit Stephan unterhalten, er habe frischen Kuchen gebacken und die Kamera sei ja wirklich beeindruckend... Trotzdem sind wir weiter marschiert - händchenhaltend ;-)

Den frühen Nachmittag verbrachten wir damit, die beaches der Umgebung zu erkunden. Herring Cove ist nicht besonders hübsch, Race Point dagegen sehr. Das Schöne - wir sind in der off season und müssen die im Sommer üblichen $15 Parkgebühr am Tag nicht bezahlen. Auch das Cape Cod Lighthouse in North Truro ist einen Besuch wert. Wir gehen viel spazieren, genießen die unglaubliche Landschaft und versuchen, die erstaunlichen Farben des Atlantiks mit der Kamera einzufangen. Ein solches Blau wie am Race Point Beach habe ich am Meer noch nie gesehen. Das Wasser in der Bay an P-Towns West End schimmert türkis-grünlich, eher so, wie man es von Werbeprospekten der Karibik erwartet. Und überall das gleiche Bild - glasklares Wasser, weiße Strände, Möven und Krabben. Es scheint, als hätten wir hier tatsächlich intakte Natur gefunden.

Abends beschließen wir, dem Bookstore & Restaurant in Wellfleet einen weiteren Besuch abzustatten. Das kleine Abendessen am vorigen Tag war bereits vielversprechend, aber heute probieren wir mehr als nur Salat und Suppe. Der Laden ist wieder ziemlich voll, und das trotz der gesalzenen Preise, die - so glauben wir noch - vor allem dem Meerblick zu verdanken sind. Die meisten Gäste scheinen Urlauber, zwischen Mitte 40 und Mitte 50, gut situierte ältere Herrschaften, wenige Einheimische, die aber augenscheinlich besondere Anlässe zum Dinner ins "beste Seafood-Lokal Wellfleets" (so Dan, unser host) getrieben haben. Eher untypisch in dem Amerika, das wir bisher kannten, wird viel Wein bestellt, vor dem Dinner gibt es Cocktails, die Atmosphäre ist ein bisschen so wie in guten europäischen Restaurants. Mit der Ausnahme, dass die meisten Gäste Shorts oder Jeans und die unvermeidlichen Sweatshirt mit "Cape Cod"-Stickereien tragen...

Pünktlich zum Sonnenuntergang wird unser Essen serviert. Stephan hat die "Fisherman's Selection" mit Kabeljau in Weißweinsauce, Shrimps und Hummerfleisch. Dazu Salat, frisches warmes Brot mit gesalzener Butter, ich bekomme gebratenen Kabeljau mit selbstgemachter Remoulade und Salat. Selbst die Pommes sind so gut, dass man die Kartoffeln noch erschmecken kann! Die Preise sind also definitiv nicht nur der Aussicht zuzuschreiben, sonder mehr als gerechtfertigt. Es ist einfach unglaublich lecker. Am Tisch neben uns feiert eine Großfamilie einen Geburtstag mit einem halben Dutzend Hummern. Ob wir das auch noch versuchen werden in diesem Urlaub...?

Eine Stunde später sind wir pappsatt, völlig begeistert und beschließen, mittags ab sofort häufiger auf selbstgemachte Sandwiches auszuweichen - dann können wir es uns nämlich noch einige Male leisten, hierhin zu gehen. Die Karte bietet noch einiges an kulinarischen Verlockungen!

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Eine Reise ins 17. Jahrhundert

Donnerstag, 21.09.2006

"Living History" ist in den USA sehr beliebt und weit verbreitet. Eines der berühmtesten und größten Museumsdörfer haben wir heute in Plymouth, MA. besucht - die Plimoth Plantation .

Im Dezember 1620 landete die Mayflower mit 102 Engländern, den "pilgrims", an Bord an der Küste des heutigen Massachusetts, dort, wo seit Generationen die Wampanoag-Indianer in ihrem Dort Patuxet lebten. An der Stelle, an der die pilgrims vor beinahe 400 Jahren an Land gingen, um die Plymouth Colony zu gründen, erinnert heute ein großer Stein, der Plymouth Rock an diesen geschichtsträchtigen Augenblick. Die Pilgerväter überstanden den harten ersten Winter - wenn auch längst nicht alle - und bereits kurze Zeit später war anstelle des alten Indianerdorfes die erste englische Kolonie in der neuen Welt entstanden. Heute erinnert alles in Plymouth daran.

Wir begannen unseren Besuch mit der Besichtigung der Mayflower II, einer exakten Replica der originalen Mayflower, die in Plymouth, England nach alter Schiffsbauerkunst gebaut worden und 1957 mit einer Mannschaft von 20 Mann ohne moderne Hilfsmittel in die USA gesegelt war. Die Mayflower war und ist kein besonders großes Schiff - wie 102 Passagiere UND etwa 20 Mann Besatzung UND jede Menge Tiere und Vorräte Platz gefunden haben, beschäftigt mich noch immer. Ich glaube immer mehr, dass der größte Luxus unserer Zeit nicht Geld ist, sondern Platz und Privatsphäre...

Drei Meilen weiter liegt die Plimoth Plantation, besagtes Museumsdorf. Die Plantation hat sich zum Ziel gesetzt, die Besucher ins 17. Jahrhundert zurück zu versetzen - und das gelingt erstaunlich gut. Ein einführender Film erläuterte die Konzeption des Museums. Beiden Kulturen, beiden Gruppen - den Wampanoag und den colonists - will man gerecht werden, hinter den Mythos der Plymouth Colony schauen und die Besucher animieren, durch Fragen und Gespräche Geschichte zu erleben. Die Mitarbeiter des Museums spielen dabei die verschiedenen Gruppen - die colonists sind in Kleidung des 17. Jahrhunderts gewandet, sprechen einen alten englischen Dialekt und berichten aus "ihrem" harten Leben in der neuen Welt, der Sorge um die Ernte, der Angst vor Überfällen, der Trauer um viele Menschen, die an Krankheiten und Hunger, Kälte in den Wintern ums Leben kamen. Aber auch von der Hoffnung auf eine bessere Welt, in der ihre Religion die "Mehrheits-Kultur" darstellen sollte. Denn auch das wird nicht unter den Tisch gekehrt - von Religionsfreiheit waren die Pilgerväter himmelweit entfernt - sie suchten vorerst nur Toleranz für ihren eigenen Glauben. Die Wampanoag sind keine "Schauspieler", sondern werden von echten Natives dargestellt, die Kleidung und Tätowierungen ihrer Stämme tragen. Die Wampanoag sprechen US-Englisch von heute - und wollen damit bewusst auch auf die aktuellen Probleme, Sichtweisen und Hintergründe ihrer Kultur aufmerksam machen. Alle Museums-Darsteller gehen typischen Alltags-Tätigkeiten von 1627 nach - Holz hacken, Erde umpflügen, nähen und sticken, Holzboote ausbrennen (die Wampanoag haben Einbaum-Boote hergestellt, indem sie das innere des Baumes ausbrennen ließen - nix mit Schnitzereien...) und kochen über offenem Feuer. In den kleinen eingezäunten Feldern des colonists' village leben Ziegen und Schweine, auf den Wegen begegnet man Hühnern. Die Lagerstelle der Wampanoag liegt einen kleinen Marsch entfernt, aber auch hier fühlt man sich versetzt in die Geschichte - alles sieht echt aus, hört sich echt an, riecht echt. Die Geräte werden nach alten Techniken hergestellt, die Kleidung handgenäht und gefärbt. Die Fragen, die unweigerlich auftauchen, kann und soll man jedem dieser kostümierten Mitarbeiter stellen. Sie werden entweder im Englisch des 17. Jahrhunderts oder im heutigen Sprachgebrauch mit viel Hintergrundwissen zu den Native People der Region, aber immer mit viel Enthusiasmus und Detailverliebtheit beantwortet.
Es war beeindruckend - living history at its best!

Mittlerweile sind wir auf Cape Cod in Wellfleet angekommen. Wir wurden von Dan, einem unserer hosts sehr freundlich in Empfang genommen. Unser Zimmer ist extrem gemütlich und verspricht, für die nächste Woche ein adäquater Ersatz für unser heimisches Wohnzimmer zu werden - große Ohrensessel, echte Quilts, dunkles Holz und ein kleiner Kamin im Zimmer sorgen für Behaglichkeit, auch wenn es - wie heute abend - draußen auffrischt. Einen wunderschönen Sonnenuntergang am Mayo Beach haben wir auch bereits bewundert. Das kleine Abendessen im Bookstore Restaurant mit Blick auf den Strand war schon toll - aber der Sonnenuntergang über der Cape Cod Bay war unglaubiich. Hoffentlich erleben wir davon noch einige weitere. Es wäre einfach perfekt.

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Fish and „Ships“

Mittwoch, 20.09.2006

Bevor ich zum Bericht des Tages komme: Zuhause ist jetzt bereits der 21. September. Papas Geburtstag – herzlichen Glückwunsch!!

Der heutige Tag war geprägt vom maritimen Leben in den südlichen Neu-England-Staaten. Von Foxboro aus ging es etwas später als in den letzten Tagen wieder auf die Interstate, diesmal in südlicher Richtung. Der Himmel über uns war strahlend blau, die Sonne schien, es war zwar noch kühl, versprach aber ein weiterer perfekter Spätsommertag zu werden. Aus dem Radio dudelte Madonnas Uralt-Gute-Laune-Hit „Holiday“ und wir hatten uns für den Tag Groton und vor allem Mystic in Connecticut vorgenommen.

Am späten Vormittag kamen wir in Groton, CT. an und besuchten das Submarine Museum. In Groton ist eine der größten Navy-Basen der USA, mit dem ganzen Stolz der U-Boot-Flotte. Neben der Base liegt dort seit über 25 Jahren nur noch als „Landmark“ die Nautilus, das erste Atom-U-Boot der Welt, vor Anker. Zur Nautilus gehört ein Museum, das vor allem die großen Taten der amerikanischen Navy beschreibt. Das Museum und vor allem der Museumsshop scheinen in erster Linie für Angehörige der Streitkräfte konzipiert zu sein – anders ließen sich die vielen „Support our troops“, „Navy Mom“, „Navy Wife“ oder „Navy Grandpa“-Aufkleber für’s Auto nicht erklären, genauso wenig wie T-Shirts und Baseball-Kappen mit Aufschriften wie „I’m proud my daughter (oder son) joined the Navy“. Für die absolut Kitsch-Restistenten gab es Figuren in Uniform, sortiert nach Rang, die salutierend auf einem Podest angebracht waren und das heimische Regal zieren können. Die Krönung dieser Figuren: ein sich innig umarmendes Paar, ein junger Matrose und eine adrette Blondine wie aus einem 50er Jahre-Film mit dem Titel „Welcoming home my hero“. Hart an der Grenze...
Die „Nautilus“ selber konnten wir besichtigen und für mich stand mal wieder eindeutig fest, dass ich für bestimmte Dinge nicht gemacht bin. So eng, so beklemmend, so bedrückend realistisch war die Vorstellung, wie die Besatzung monatelang in dieser Enge ausgeharrt haben musste, dass ich nach der nur 15 Minuten dauernden Besichtigung heilfroh war, wieder an die Luft zu kommen. Vier Stockbetten übereinander mit vielleicht fünfzig Zentimetern Abstand zum nächsten Bett reichen aus, um sich flach hinzulegen. An umdrehen im Schlaf, gemütliches Einkuscheln oder gar Privatsphäre kann nicht zu denken gewesen sein. Ich kriege schon im Schlafsack Platzangst – auf einem solchen Schiff hätte ich keine zwei Tage ausgehalten.

Nach Groton ging es weiter nach Mystic, Connecticut, den Ort, in dem „Mystic Pizza“ gedreht wurde, der erste größere Film mit Julia Roberts (die Pizzeria wirbt immer noch mit dem Film-Slogan „A slice of heaven&ldquo und außerdem einer der Orte in New England mit der größten Schiffsbautradition. Diese über 150 Jahre alte Tradition wird konserviert im Mystic Seaport, einem großen Freilichtmuseum, in dem über 60 Häuser im Kolonialstil und mehrere große historische Segelschiffe zusammen getragen wurden. Mystic Seaport wirkt auf den ersten Blick wie ein maritim-historisches Disneyland, ist aber auch jenseits der offensichtlichen Attraktionen sehr interessant. Den letzten noch erhaltenen Walfänger der USA, die "Charles W. Morgan", konnten wir von vorne bis hinten durchstreifen. Die Vorstellung, dass die Männer zwischen drei und fünf Jahren auf diesem Schiff unterwegs waren und über fünfzig Wale fangen und verarbeiten mussten, bis die Lademöglichkeiten der Morgan ausgeschöpft und eine Reise profitabel wurde, ist eigentlich unvorstellbar. Auch hier wieder – Enge, erzwungene Nähe und die Vorstellung, dass alleine der Gestank entsetzlich gewesen sein muss. Zwanzig oder mehr Männer, keine anständige Gelegenheit, sich zu waschen und direkt neben den Schlafquartieren der „blubber room“, in dem der Waltran gekocht wurde – ugghh...
Wir kletterten den Rest des Nachmittags auf den Schiffen im Mystic Seaport herum, besichtigen die kleinen kolonialen Häuschen, in denen traditionelles Handwerk vorgeführt und erläutert wird, bestaunten mehrere sehr gut gemachte Ausstellungen zu „America and the Sea“ und entschieden gegen 17 Uhr, den Abstecher nach Newport auf den kommenden Tag zu verschieben. Nach all den „theoretischen“ Informationen über Walfang und das Meer sind wir mittlerweile unglaublich gespannt auf die wirkliche Begegnung mit den beeindruckenden Tieren, die dieser Region vor 150 Jahren wirtschaftliche Stabilität und heute Tourismus bescheren. Von Cape Cod aus werden wir in den nächsten Tagen zum Whale Watching aufbrechen – und können es kaum erwarten.

21.9.06 17:11, kommentieren

Präsidenten-Anwesen und Neonzivilisation

Dienstag, 19.09.2006

Drei von sechs der New England-Staaten sind geschafft. Wobei... eigentlich waren es schon vier, aber in Rhode Island waren wir eigentlich nur ganz kurz, weil wir unsere beabsichtigte Ausfahrt von der Interstate verpasst haben. Aber nun gut - von vorne.

Nach einem Frühstück im Comfort Inn in Salem/Danvers, das sich in keiner Weise vom Hotelfrühstück der vergangenen Tage unterschied (viel Plastik, viel Pappe, sowohl essbar als auch als Geschirrersatz...) saßen wir um acht Uhr im Auto. Bis nach Kennebunkport, Maine, sollte die Fahrt heute gehen. Der erste Stop stand in Newburyport auf dem Programm - ein kleines hübsches Küstenstädtchen, für das wir aber entweder zu spät - was die Jahreszeit betrifft - oder zu früh - bezogen auf die Uhrzeit - dran waren. Es war nicht viel los, was einen Aufenthalt von mehr als einer Stunde gerechtfertigt hätte. Aber nett - und im Sommer bestimmt sehenswert.

Hinter Salisbury überquerten wir dann die Grenze nach New Hampshire. Und endlich, endlich bekamen wir den Atlantik zu sehen. Immer wieder schlängelte sich die Küstenstraße #1 beinahe direkt am Wasser entlang. In Hampton Beach dann der nächste Stop. Ein Spaziergang direkt am Meer, genau das hatten wir uns gewünscht! Es war herrlich, die Sonne schien mittlerweile, es war wieder warm geworden, und wir etwas übermütig. Ergebnis - nicht nur Füße und Beine waren nass vom durch-die-Wellen-springen, sondern auch die Shorts und die Jacke, die ich umgebunden hatte. Ist es nicht herrlich, manchmal einfach zu tun, was Spaß macht? Simplen, kindlichen Spaß? Solange man sich im Auto umziehen kann, ist es doch halb so wild, ein bisschen nass zu werden!!

Nach Hampton ging es weiter nach Kennebunkport, Maine. Eigentlich wollten wir uns dort nur das Seashore Trolley Museum anschauen, ein Museum mit vielen alten Verkehrsmitteln, Bussen, Straßenbahnen, Zügen, einigen wenigen toll restaurierten Schätzen, aber mehr Exponaten, die in einem so traurigen Zustand waren, dass Stephan beinahe die Tränen in die Augen stiegen. Faustgroße Rostfraß-Löcher an über einhundert Jahre alten Wagen, eingestürzte Dächer, aufgerissene Sitzbezüge - die ehrenamtlichen Mitarbeiter des Museums haben noch viel Arbeit vor sich...

Sonst hatte Kennebunkport nicht viel zu bieten. Viele Andenkenshops auf der Main Street, viele sehr distinguiert wirkende Ostküsten-Aristokratie-Urlauber... und natürlich das Anwesen der Bush Family auf der Halbinsel Walker's Point. Nun ist der amerikanische Präsident nicht gerade unser Idol, aber wenn man schon mal dort ist, kann es ja nicht schaden, wie jeder anständige Tourist über das Meer hinweg einen bis drei Blicke auf das riesige, umzäunte und hermetisch abgeriegelte Anwesen zu werfen, zu rätseln, ob die gehisste Flagge wohl wie in London auf die Anwesenheit der Königin (oder vielmehr des Präsidenten) schließen lässt und letzlich mit einem gemurmelten "Aber schön ist das nicht gerade..." wieder ins Auto zu steigen. Wirklich sehen konnte man nichts. Was zu erwarten war. Schon gar niemand berühmtes. Mr. President muss schließlich regieren, der Sommer ist fast vorbei - wahrscheinlich war eh nur der Hausmeister zuhause...

Nach einem erfolgreichen Stop in Kittery, wo wir einen neuen Koffer erstanden haben (mittlerweile ist unser Vertrauen in den alten Koffer und die Lust, ihn wegen Rollendefektes ständig zu schleppen rapide gen nicht vorhanden gesunken - jetzt ist er Lagerraum für dreckige Wäsche und bleibt ab morgen bis zum Abflug im Mietwagen) waren wir dann zum ersten Mal echten New England-Fisch essen. Der Fisch war unglaublich gut, das Restaurant "Weathervane" eine Art lokaler Hotspot und wir danach gestärkt für weitere Ereignisse.

Morgen soll unsere Reise die Staaten Rhode Island und Connecticut streifen. Dazu mussten wir von Maine aber erst wieder eine ganze Weile in südlicher Richtung fahren. Anstelle der idyllischen, aber langsamen coastal route nahmen wir die I-95 und landeten prompt im Bostoner Berufsverkehr. Aber egal - bis Providence sollten wir es doch schaffen?! Gegen 18.30 Uhr begannen wir außerdem nach Motel-Schildern Ausschau zu halten. Es gab eine Menge Motels und Inns - zwischen den großen Städten. Je näher wir Providence kamen, desto seltener wurden die Schilder, bis die I-95 uns in den Vororten von Providence nur noch "Lodging" anbot. Keine Hotelnamen, keine Comfort Inns, EconoLodges, Holiday Inn Express. Das Lodging unweit der Ausfahrt entpuppte sich als schäbige Absteige direkt neben einem Pornokino... Kurzerhand ging es auf der gleichen Strecke wieder zurück, etwa 15 Meilen, um eines der letzten verfügbaren Zimmer im Comfort Inn Foxboro zu bekommen. Der Hinweis auf unsere gestrige Übernachtung und die Bemerkung, wir seien auf Hochzeitsreise bescherte uns einen kräftigen Discount und erleichtert schleppten wir unsere Koffer (s.o.) ins Zimmer.

Der Tag sollte eigentlich jetzt zuende sein. War er aber nicht. Denn langsam aber sicher knurrten unsere Mägen wieder. Eine Kleinigkeit noch, einen Salat, einen Burger. Was liegt da näher, als einen der vielen Fast Food-Heroen anzusteuern? Mittlerweile war es dunkel, wir mussten zwei Ausfahrten weiter auf dem Highway (richtige Orte gibt es einfach zu selten in den USA) und es fing an zu regnen. Endlich, endlich zeigte ein Schild vier Food Choices an, darunter Taco Bell und McD. Ersteres war ziemlich schnell zu finden, der weitere Weg zog sich lang und länger. Jedes in der Ferne auftauchende Neonschild wurde erst mit Enthusiasmus, dann mit Enttäuschung betrachtet. Aber immerhin - das Vorhandensein von Neonschildern lässt auf Zivilisation, Einkaufszentren und Parkplätze schließen. Und wenn man nach einem langen Tag einfach müde, hungrig und kaputt ist, ist dieses Gefühl, dass der goldene McDonald's-Bogen überall auf der Welt gleich aussieht, ein bisschen wie zuhause sein... Da die amerikanische Straßenbeleuchtung sehr zu wünschen übrig lässt, steigt dieses Gefühl der Dankbarkeit für bunte Neonschilder auch dann auf, wenn man - wie wir eine halbe Stunde später - nach einer mittelkritischen Odyssee nach verpassten Ab- und Ausfahrten, falschen Richtungsentscheidungen und hektischen rück-und-wieder-auffahr-Versuchen endlich das Schild des eigenen Hotels wiederfindet...

1 Kommentar 20.9.06 04:06, kommentieren

Kaputte Koffer, verschwundene Car Rentals, Hotelsuche - ein schwieriger Tag...

Montag, 18.09.2006

Puuh. Endlich im Hotel, der Tag ist vorbei. Auch wenn wir heute viel gesehen haben - besonders schön war es heute nicht. Leider.

Dabei hatte der Tag vielversprechend angefangen. Nach dem Frühstück und einem kurzen Spaziergang um den Fresh Pond in Cambridge machten wir uns mit dem kompletten Gepäck wieder auf Richtung Flughafen. Das Hotelshuttle brachte uns zur T, die ersten Stationen waren problemlos. Beim Umsteigen dann die ersten Probleme - eine Rolle des großen Koffers war aus der Führung gebrochen. Beim Flug passiert? Vorher schon und nicht bemerkt? Wie dem auch sei, der Koffer lief nicht rund. Die kurzen Stücke innerhalb des T-Tunnelsystems waren okay, aber als wir in Wood Island ausstiegen, um unsere Autovermietung zu suchen, wurde jeder Meter eine unüberwindbare Strecke...

Ach ja, überhaupt die Autovermietung. Stephan hatte im Internet nachgeschaut, wo genau wir unseren Mietwagen abholen sollten. Laut Alamo-Website sollte die Station NICHT am Flughafen, sondern einige Straßen weiter, unweit der T Wood Island sein. Mehrfach gecheckt, eindeutige Auskunft. Dummerweise war, als wir dort die U-Bahn verlassen, weit und breit kein Autoverleiher zu sehen. Nur lange, lange Vorortstraßen in einer Gegend, die nicht unbedingt Bostons beste Ecke zu sein schien. Mittlerweile war es viertel vor zwölf, etwa 28°C und wir schleppten unsere Rucksäcke auf dem Rücken, den kleinen Trolley und eine große Tasche bei mir und der große Koffer wurde zu Stephans Geduldsprobe. Rollen ging nicht, tragen noch weniger. Irgendwann waren wir beide völlig entnervt, standen mitten in dieser gottverlassenen Gegend und wussten nicht mehr ein noch aus. Zurück zur T war undenkbar, weiter gehen und weiter suchen ebenfalls. Es wurde 12 Uhr, die vereinbarte Abholzeit. Ich erinnerte mich dunkel an die "No show"-policy von Alamo - wer einen gebuchten Wagen zur vereinbarten Zeit nicht abholt, zahlt dennoch den vollen Preis...

In diesem Moment war ich heilfroh über drei ältere Damen, die ein paar Meter von uns entfernt vor einem Haus standen und eine Taxi-Rufnummer im Kopf hatten, und über mein Handy, das ich eigentlich gar nicht dabei haben wollte. Das bestellte Taxi holte uns keine zehn Minuten später ab, brachte uns zum Flughafen, wo nicht nur Alamo, sondern alle Autovermietungen auf einem riesigen Gelände hinter den Ankunftsterminals untergebracht waren. Wir waren viel zu erleichtert, um noch lange über die fehlerhafte Karte im Internet nachzudenken und nahmen nach kurzem Check-In endlich unseren Mietwagen in Empfang.

Auf (beinahe) geradem Weg ließen wir Boston hinter uns und steuerten Salem an - die Stadt der berühmten Hexenprozesse, denen Arthur Miller mit "The Crucible" ein literarisches Mahnmal gesetzt hat. Die Stadt selber war recht unspektakulär, aber es ist unglaublich, auf wieviele mehr oder weniger geschmacklose Arten man eine solche düstere Episode der eigenen Historie vermarkten kann... Hexen aller Art, auf Besen, mit schwarzen Katzen, Warzen, spitzen Hüten findet man auf Postkarten, T-Shirts, Magneten, Kaffeebechern, garniert mit pseudo-keltischen Accessoires und Zubehör für den Wicca-Kult. Vieles ist amerikanisch bunt, kitschig und keine Souvenirs zu makaber. Salem macht Geld aus seiner Geschichte - denn viel mehr hat der kleine Ort nicht zu bieten. Als anständige Touristen haben wir natürlich wenigstens eines der fünfzehn (nein, ich habe mich nicht verschrieben! es sind tatsächlich fünfzehn!) Hexenmuseen besucht und eine schaurig-schöne Darstellung der Hexenverfolgung erlebt. Puppen wie bei Madame Tussaud's, effektvoll beleuchtet und mit einer ächzend-stöhnend-gruseligen Audioshow untermalt sollten uns und den vielen anderen Interessierten die Geschichte näher bringen. Selbstverständlich immer mit der Betonung auf den Hintergründen - alle Opfer waren unschuldig und selbst die Ankläger im Grunde nur Opfer ihrer Zeit voller Angst, Schrecken und Bigotterie. Die Show endete mit dem versöhnlichen Kommentar, dass New England stolz sein könne, der Hysterie nur einmal, eben 1692 und nur "kurz" nachgegeben zu haben, wo doch in Europa tausende Menschen als Hexen verfolgt und getötet wurden. Na, da wird einem doch erst bewusst, was Zivilisation heißt!!

Nach Salem fuhren wir die Küste hinauf, um noch ein wenig Landschaft zu genießen. Die Küstenstraße über die Halbinsel Cape Ann führte uns nach Gloucester, einem kleinen Fischerort, der durch den Untergang des Kutters Andrea Gail und der Verfilmung von Wolfgang Petersen in "Der Sturm" bekannt wurde. Am Fishermen's Memorial konnten wir die Namen der auf See gebliebenen Fischer seit dem frühen 19. Jahrhundert bestaunen. Der Hafen war ziemlich klein, schmuddelig und häßlich, aber die Vorstellung, dass die Fischkutter, die teilweise kaum größer sind als eine kleine Segelyacht, weit raus auf den Atlantik müssen, damit ihre Besitzer ein halbwegs erträgliches Auskommen finden, ist nicht sehr angenehm. Wer "Der Sturm" gesehen hat, kann vielleicht nachvollziehen, weshalb ich diese Boote mit einem merkwürdigen Gefühl betrachtet habe...

Gegen 18 Uhr verabschiedeten wir uns von Gloucester und machten uns auf die Suche nach einer Unterkunft. Das Land der tausend Motels - kurzfristig ein Zimmer finden, sollte doch kein Problem sein. Dummerweise scheint sich die Sache mit den tausend Motels nicht auf New England und schon gar nicht auf New England in der off-Season zu beziehen, denn es dauerte lange und viele Nachfragen, bis wir endlich - schon zurück in Salem - auf einen großen, häßlichen Klotz der Comfort Inns stießen. Nicht hübsch, aber günstig und vor allem - da. Und in genau diesem Hotel liegen wir jetzt im Bett und genießen unseren wohlverdienten Schlaf. Hoffentlich wird der morgige Tag nicht ganz so anstrengend und nervenaufreibend. Aber eigentlich geht das gar nicht anders... Gute Nacht!

19.9.06 04:11, kommentieren

Ein Tag in Boston oder

Sonntag, 17.09.2006

Der Tag begann für uns um halb sechs - Zeitverschiebung. Trotzdem keine schlechte Leistung, wenn man bedenkt, dass wir am Abend zuvor schon um halb acht Ortszeit in den Federn lagen.

Ganz langsam und in aller Ruhe haben wir uns fertig gemacht, das Chaos des vorigen Abends beseitigt (wir hatten nur noch das nötigste aus den Koffern gekramt, die Klamotten ausgezogen und im ganzen Zimmer verteilt und dabei ein heiloses Chaos angerichtet) und standen pünktlich um halb acht zum Frühstück unten im Speisesaal. Frühstück... erstaunlich. Pappteller, Plastikbesteck und Pappbecher mit einem merkwürdigen pelzigen Überzug, die Stephan zu diversen, eher unangemessenen Vergleichen inspirierten. Passend zum Ambiente das Essen - garantiert nährstoffarm, dafür extrem künstlich. Luftiger Waffelteig mit mehr Luft als Waffeln, pappige Bagels (in den USA ist anständiges Brot einfach Mangelware), klebriger Joghurt und viele bunte Frühstücksflocken. Einzig der Kaffee und der Orangensaft waren okay.

Gestärkt durch dieses kulinarische Erlebnis machten wir uns dann auf, in einem Tag so viel von Boston zu sehen wie möglich. Vorab kann man sagen - es war sehr viel möglich! Mit der "T", der ältesten U-Bahn der USA fuhren wir von Cambridge (dort wohnen wir) zur Bostoner South Station. Von dort begann unser Marsch durch eine wunderschöne, interessante und - genau wie man oft hört und liest - sehr europäisch anmutende Stadt. Station 1: Boston Tea Party Ship und Boston Harbor. Die Beaver II, das "Boston Tea Party Ship" war ein Reinfall, da a) zurzeit wegen Renovierung geschlossen und b) überhaupt nicht an ihrer eigentlichen Stelle. Anscheinend finden die Renovierungsarbeiten in irgendeinem Dock statt. Der Spaziergang entlang der Rowes Wharf war dagegen wieder sehr nett. Etwa auf Höhe des New England Aquarium (ein ungemein häßlicher Betonbau) bogen wir dann in die City ein. Eine strategische Pause bei Starbuck`s beschloss das weitere Vorgehen - erstmal den Freedom Trail entlang und dann Richtung Prudential Tower. Gesagt, getan.

Der Freedom Trail, ein mit roter Farbe auf den Asphalt der Bostoner Straßen aufgebrachter Weg, ist eine tolle Erfndung. Man marschiert - touristisch idiotensicher - dem roten Farbband nach, kriegt garantiert die wesentlichen Sehenswürdigkeiten mit, entsprechende Erklärungen auf großen Tafeln direkt dazu geliefert und muss sich nicht für unpassende Verhaltenweisen wie stehen-bleiben-um-Fotos-zu-machen oder Stadtplan-aus-der-Tasche-ziehen-und-hilflos-in-der-Gegend-herum-starren schämen - es sind eh nur weitere Touristen um einen herum. Die machen das alles genauso.

Unsere Stationen auf dem Freedom Trail: Old State House, Boston Irish Famine Memorial, Old South Meeting House, King's Chapel, Granary Burial Ground, State House, Park Street Church, Boston Common. Alles sehr interessant, alles hatte mit der Unabhängigkeit zu tun und überall war entweder ein Adams, Franklin, Quincy oder Washington beteiligt. Amerikanische Geschichte im Schnelldurchgang.

Nach einer kurzen Pause am Shaw-Memorial ging es dann durch den Boston Common Richtung Back Bay. Stephan hatte vom Skywalk Observatory im Prudential Tower gelesen. Im 50. Stock eines der beiden Bostoner Wolkenkratzer gibt es eine Aussichtsplatform mit Audio-Tour und einer sehr nett gemachten Ausstellung zum Thema Migration. Die Aussicht auf die gesamte Stadt war grandios - auch wenn sich bei uns bereits erste Ermüdungserscheinungen zeigten. Allerdings konnten wir so viele weitere interessante Ziele von oben ausmachen, dass wir nur wenig Rücksicht auf schmerzende Füße oder beginnende Jetlag-Müdigkeit nehmen konnten. Eine kleine Pause gönnten wir uns trotzdem - zum Mittagessen im Prudential Center.

Food Courts sind eine großartige amerikanische Erfindung. Man sitzt in einer gigantischen Halle in einer Shopping Mall, umgeben von jeder denkbaren Art Fast Food, die diese Form der Esskultur jemals hervorgebracht hat. Chinesisch, mexikanisch, italienisch, thai, Suppen, Eintöpfe, Bakeries, pseudo-gesundes Zeug wie Salat oder Wraps, dazu Eis, besondere Getränke und natürlich die unvermeidlichen "Großen" wie Burger Kind oder McD. Es ist laut, es ist hektisch, es ist keine kulinarische Offenbarung, aber es geht schnell und man muss sich nicht einigen, ob man gerade Lust hat auf einen Taco oder lieber Pfannkuchen mit Sirup essen möchte... Wie gesagt - großartig!

Nach der Mittagspause nahmen wir die Back Bay in Angriff. Das einzige Viertel in Boston, das sehr an andere amerikanische Großstädte erinnert, abgezirkelte, schnurgerade Straßen, angelegt wie ein Schachbrett. Das kommt daher, dass Back Bay ursprünglich Sumpfgebiet am Charles River war, das künstlich trocken gelegt und bebaut wurde. Heute säumen großzügige Townhouses die breiten Alleen, alles wirkt sehr hübsch und sehr gepflegt. Ein bisschen wie im Film - und ein kleines bisschen langweilig. Langweilig wurde uns allerdings nicht. Schließlich wollten wir die Back Bay kreuz und quer durchwandern und abschließend zum Beacon Hill, dem bekanntesten und einem der ältesten Wohngebiete marschieren. Beacon Hill ist klein, eng und versprüht an bestimmten Plätzen einen morbiden Charme. Viele der kleinen Townhouses wirken etwas marode, von Rost zerfressene Feuerleitern hängen müde an den Fassaden herab. Die Ausnahme ist der Louisburg Square - in der teuersten Straße Bostons ist zwar Großzügigkeit und Platz ebenso wenig vorhanden wie in den anderen Straßen in Beacon Hill, aber hier ist alles sehr sauber und recht neu. Auffallend ist in jedem Fall die hohe Dichter teurer europäischer Autos. Alle groß, alle teuer, Mercedes, Audi, BMW, hin und wieder Volvo oder Saab. Es passt - bei einem Makler werden im Schaufenster diverse Townhouses in Beacon Hill angeboten. Die Preise beginnen bei 1,6 bis 2 Millionen Dollar...

Wir verlassen Beacon Hill und Boston zu Fuß über die Longfellow Bridge. Mittlerweile ist es halb fünf am Nachmittag, die schmerzenden Füße und die spürbare Unlust, auch nur noch einen Meter zu laufen, ist nicht mehr zu ignorieren. Nach der Brücke steigen wir endlich wieder in die T ein. Zwei Stationen bis Harvard Square - denn so kaputt wir auch sind, die berühmteste aller Ivy League Universitäten lassen wir uns nicht entgehen.

Harvard ist so, wie man es sich vorstellt. Alte, wunderschöne Gebäude, gepflegte Grünflächen, Studenten, die mit Büchern oder Laptops an alte Bäume gelehnt auf den Wiesen sitzen. Inschriften an den Fassaden wie "Enter to grow in wisdom". Bei unserem kurzen Spaziergang über einen Teil des Campus rund um den Harvard Yard kommen wir alleine an fünf Bibliotheken vorbei... Wir runden den Besuch ab mit einem Abstecher zum Harvard Bookstore, der seit 1932 für das literarische Wohl der Studenten sorgt (und in dem ich, förmlich erschlagen von dem unglaublichen Angebot an Büchern nur einige Postkarten erstehe...) und zum Harvard Visitor's Center, wo man jedes erdenkliche Kleidungsstück mit einem großen H versehen erwerben kann. Wir verlassen den Campus mit zwei Fragen - was macht die Studenten so außergewöhnlich, dass sie eine so großartige Universität besuchen können (sie sehen alle so normal aus!) und vor allem - sind wir jetzt vielleicht ein kleines bisschen schlauer als vorher?

Der Rückweg ins Hotel vom Harvard Square beträgt nur drei T-Stationen und etwa fünf Minuten Fußweg von der Haltestelle. Wir haben diesen Weg irgendwie gemeistert. Um kurz vor 19 Uhr waren wir wieder im Hotel - fix und fertig, mit nunmehr definitv schmerzenden Füßen (die ich langsam wieder spüre, was eine Weile weder möglich noch wünschenswert war) und gesättigt an Eindrücken, die wir erst in einigen Tagen verarbeitet haben werden.

Wenn es überhaupt möglich ist, Boston an nur einem Tag kennen zu lernen, dann haben wir es geschafft. Wir haben einen Eindruck davon bekommen, wir unglaublich vielfältig diese Stadt ist, wie außergewöhnllch alt und neu zugleich. Eine fantastische Entdeckungstour durch eine Stadt, die von der Diskrepanz lebt, die ihr immer neue Impulse verleiht - eine alte, historisch unglaublich spannende Stadt mit Einwohnern, die sehr jung sind und - durch die vielen Hochschulen bedingt - immer wieder neu hinzukommen oder die Stadt verlassen. Ständige Veränderung und lebendige Geschichte - dafür lohnen doch ein paar schmerzende Füße!!

 

 

1 Kommentar 18.9.06 02:11, kommentieren

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