Eine Reise ins 17. Jahrhundert

Donnerstag, 21.09.2006

"Living History" ist in den USA sehr beliebt und weit verbreitet. Eines der berühmtesten und größten Museumsdörfer haben wir heute in Plymouth, MA. besucht - die Plimoth Plantation .

Im Dezember 1620 landete die Mayflower mit 102 Engländern, den "pilgrims", an Bord an der Küste des heutigen Massachusetts, dort, wo seit Generationen die Wampanoag-Indianer in ihrem Dort Patuxet lebten. An der Stelle, an der die pilgrims vor beinahe 400 Jahren an Land gingen, um die Plymouth Colony zu gründen, erinnert heute ein großer Stein, der Plymouth Rock an diesen geschichtsträchtigen Augenblick. Die Pilgerväter überstanden den harten ersten Winter - wenn auch längst nicht alle - und bereits kurze Zeit später war anstelle des alten Indianerdorfes die erste englische Kolonie in der neuen Welt entstanden. Heute erinnert alles in Plymouth daran.

Wir begannen unseren Besuch mit der Besichtigung der Mayflower II, einer exakten Replica der originalen Mayflower, die in Plymouth, England nach alter Schiffsbauerkunst gebaut worden und 1957 mit einer Mannschaft von 20 Mann ohne moderne Hilfsmittel in die USA gesegelt war. Die Mayflower war und ist kein besonders großes Schiff - wie 102 Passagiere UND etwa 20 Mann Besatzung UND jede Menge Tiere und Vorräte Platz gefunden haben, beschäftigt mich noch immer. Ich glaube immer mehr, dass der größte Luxus unserer Zeit nicht Geld ist, sondern Platz und Privatsphäre...

Drei Meilen weiter liegt die Plimoth Plantation, besagtes Museumsdorf. Die Plantation hat sich zum Ziel gesetzt, die Besucher ins 17. Jahrhundert zurück zu versetzen - und das gelingt erstaunlich gut. Ein einführender Film erläuterte die Konzeption des Museums. Beiden Kulturen, beiden Gruppen - den Wampanoag und den colonists - will man gerecht werden, hinter den Mythos der Plymouth Colony schauen und die Besucher animieren, durch Fragen und Gespräche Geschichte zu erleben. Die Mitarbeiter des Museums spielen dabei die verschiedenen Gruppen - die colonists sind in Kleidung des 17. Jahrhunderts gewandet, sprechen einen alten englischen Dialekt und berichten aus "ihrem" harten Leben in der neuen Welt, der Sorge um die Ernte, der Angst vor Überfällen, der Trauer um viele Menschen, die an Krankheiten und Hunger, Kälte in den Wintern ums Leben kamen. Aber auch von der Hoffnung auf eine bessere Welt, in der ihre Religion die "Mehrheits-Kultur" darstellen sollte. Denn auch das wird nicht unter den Tisch gekehrt - von Religionsfreiheit waren die Pilgerväter himmelweit entfernt - sie suchten vorerst nur Toleranz für ihren eigenen Glauben. Die Wampanoag sind keine "Schauspieler", sondern werden von echten Natives dargestellt, die Kleidung und Tätowierungen ihrer Stämme tragen. Die Wampanoag sprechen US-Englisch von heute - und wollen damit bewusst auch auf die aktuellen Probleme, Sichtweisen und Hintergründe ihrer Kultur aufmerksam machen. Alle Museums-Darsteller gehen typischen Alltags-Tätigkeiten von 1627 nach - Holz hacken, Erde umpflügen, nähen und sticken, Holzboote ausbrennen (die Wampanoag haben Einbaum-Boote hergestellt, indem sie das innere des Baumes ausbrennen ließen - nix mit Schnitzereien...) und kochen über offenem Feuer. In den kleinen eingezäunten Feldern des colonists' village leben Ziegen und Schweine, auf den Wegen begegnet man Hühnern. Die Lagerstelle der Wampanoag liegt einen kleinen Marsch entfernt, aber auch hier fühlt man sich versetzt in die Geschichte - alles sieht echt aus, hört sich echt an, riecht echt. Die Geräte werden nach alten Techniken hergestellt, die Kleidung handgenäht und gefärbt. Die Fragen, die unweigerlich auftauchen, kann und soll man jedem dieser kostümierten Mitarbeiter stellen. Sie werden entweder im Englisch des 17. Jahrhunderts oder im heutigen Sprachgebrauch mit viel Hintergrundwissen zu den Native People der Region, aber immer mit viel Enthusiasmus und Detailverliebtheit beantwortet.
Es war beeindruckend - living history at its best!

Mittlerweile sind wir auf Cape Cod in Wellfleet angekommen. Wir wurden von Dan, einem unserer hosts sehr freundlich in Empfang genommen. Unser Zimmer ist extrem gemütlich und verspricht, für die nächste Woche ein adäquater Ersatz für unser heimisches Wohnzimmer zu werden - große Ohrensessel, echte Quilts, dunkles Holz und ein kleiner Kamin im Zimmer sorgen für Behaglichkeit, auch wenn es - wie heute abend - draußen auffrischt. Einen wunderschönen Sonnenuntergang am Mayo Beach haben wir auch bereits bewundert. Das kleine Abendessen im Bookstore Restaurant mit Blick auf den Strand war schon toll - aber der Sonnenuntergang über der Cape Cod Bay war unglaubiich. Hoffentlich erleben wir davon noch einige weitere. Es wäre einfach perfekt.

22.9.06 02:52

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