P-Town oder "Von wegen konservativ..."

Freitag, 22.09.2006

Wie schön, aufzuwachen, ohne direkt wieder ans Koffer packen gehen zu müssen. Wie schön, in einem gemütlichen, sehr persönlich eingerichteten Zimmer aufzuwachen, ohne dass uns die ewig gleichen Hotel-Insignien ins Auge fallen. Wie schön, an einem großen Holztisch zu frühstücken, mit gutem Kaffee, frisch gepressten Orangensaft, hübschem weißen Geschirr und richtigem Müsli!

Unsere Unterkunft scheint sich als Glücksgriff zu erweisen. Das Zimmer ist urgemütlich, das Frühstück sehr gut, Dan, unser host, nett und hilfsbereit, Pinky, die Katze, extrem freundlich und zutraulich (trotzdem vermissen wir unsere Tiger natürlich!) und Wellfleet ein angenehm ruhiger und entspannter Ort, dessen Zentrum durch viele kleine Galerien und Antiquitätengeschäfte besticht. Genau das richtige, um auszuspannen, Natur zu erleben, zu tun und zu lassen, wonach uns gerade ist. Die letzten Tage haben wir extrem viel gesehen - da kommt man natürlich soo schnell nicht von ab. Also beschlossen wir beim Frühstück, die ruhige Entspannung von Wellfleet gegen das quirlige Leben in Provincetown, etwa 15 Meilen weiter nördlich und an der Spitze des Capes gelegen, einzutauschen.

Provincetown, oder P-Town, ist so etwas wie das kleine Dorf aus Asterix und Obelix. Ganz Amerika ist von den Konservativen besetzt. Ganz Amerika..? NEIN - konservativ ist P-Town ganz und gar nicht. Das Zentrum der Schwulen- und Lesbengemeinschaft der USA ist bunt. Extrem bunt, extrem vielfältig, trubelig und politisch herrlich unkorrekt. Für konservative Amerikaner wahrscheinlich der Vorhof zur Hölle - für uns einfach herzerfrischend.

Das Straßenbild von P-Town wird beherrscht von Regenbogenflaggen. Auf den Straßen mischt sich ein buntes Völkchen - schwule und lesbische Paare, die ganz unbefangen Hand in Hand gehen, ältere Menschen, junge Familien. In P-Town gibt es unglaublich viele Hunde, besonders Retriever und Labradors, noch mehr Künstler und in der Luft liegt eine Atmosphäre von leben und leben lassen. Die vielen, teilweise recht kruden art cafés und galleries haben ihre Fenster entweder mit lokaler Kunst dekoriert oder bieten Insignien der Hippiezeit an - wild gebatikte T-Shirts, lange, weite Röcke, handgebastelte Perlenketten. Selbst die souvenir shops sind hier anders als anderswo - neben vielen Postkarten mit nackten, gut gebauten Männern (weniger nackte Frauen - das wäre schon wieder zu mainstream...) gibt es jede erdenkliche Schmähung des aktuellen US-Präsidenten zu erwerben. Als Postkarte, T-Shirt, Kaffeebecher, Kühlschrank-Magnet und natürlich "bumper sticker" für's Auto. Originell war der Satz "Somewhere in Texas a village must be missing its idiot" und auch "2009/01/20" nimmt einen Spitzenplatz in der Verkaufshitliste ein - das Datum der Amtseinführung des nächsten (hoffentlich demokratischen) Präsidenten. Makaber dagegen das Bild, das Bush beim der Beerdigung von Johannes Paul II. zeigt - Bush kniet vor dem in roter, zeremonieller Robe aufgebahrten Papst, während über seinem Kopf in einer Sprechblase die Frage steht "What happened to Santa?"...


 

Nach einem Kaffee bei Joe's (fantastischer Caffee Mocha!) werden wir von einem älteren "Bohemien" angesprochen, der uns überreden möchte, am Abend eine Travestieshow im "Governor Bradford" anzusehen. Michael, so heißt der Herr, ist ganz begeistert und betont immer und immer wieder, dass Stephan - den zu ihm redet er hauptsächlich - sich ungemein amüsieren würde. Wir versichern ihm, darüber nachzudenken und danken für den Tip zur Abendgestaltung. Einige Meter weiter wird mein Liebster erneut zum Ziel der eher eindeutigen Ansprache. Als wir an einem Café ablehnen, den daily lunch zu probieren, weil wir schlicht noch nicht hungrig sind, versucht der promoter es mit Schmeicheleien - er würde sich doch soo gerne mit Stephan unterhalten, er habe frischen Kuchen gebacken und die Kamera sei ja wirklich beeindruckend... Trotzdem sind wir weiter marschiert - händchenhaltend ;-)

Den frühen Nachmittag verbrachten wir damit, die beaches der Umgebung zu erkunden. Herring Cove ist nicht besonders hübsch, Race Point dagegen sehr. Das Schöne - wir sind in der off season und müssen die im Sommer üblichen $15 Parkgebühr am Tag nicht bezahlen. Auch das Cape Cod Lighthouse in North Truro ist einen Besuch wert. Wir gehen viel spazieren, genießen die unglaubliche Landschaft und versuchen, die erstaunlichen Farben des Atlantiks mit der Kamera einzufangen. Ein solches Blau wie am Race Point Beach habe ich am Meer noch nie gesehen. Das Wasser in der Bay an P-Towns West End schimmert türkis-grünlich, eher so, wie man es von Werbeprospekten der Karibik erwartet. Und überall das gleiche Bild - glasklares Wasser, weiße Strände, Möven und Krabben. Es scheint, als hätten wir hier tatsächlich intakte Natur gefunden.

Abends beschließen wir, dem Bookstore & Restaurant in Wellfleet einen weiteren Besuch abzustatten. Das kleine Abendessen am vorigen Tag war bereits vielversprechend, aber heute probieren wir mehr als nur Salat und Suppe. Der Laden ist wieder ziemlich voll, und das trotz der gesalzenen Preise, die - so glauben wir noch - vor allem dem Meerblick zu verdanken sind. Die meisten Gäste scheinen Urlauber, zwischen Mitte 40 und Mitte 50, gut situierte ältere Herrschaften, wenige Einheimische, die aber augenscheinlich besondere Anlässe zum Dinner ins "beste Seafood-Lokal Wellfleets" (so Dan, unser host) getrieben haben. Eher untypisch in dem Amerika, das wir bisher kannten, wird viel Wein bestellt, vor dem Dinner gibt es Cocktails, die Atmosphäre ist ein bisschen so wie in guten europäischen Restaurants. Mit der Ausnahme, dass die meisten Gäste Shorts oder Jeans und die unvermeidlichen Sweatshirt mit "Cape Cod"-Stickereien tragen...

Pünktlich zum Sonnenuntergang wird unser Essen serviert. Stephan hat die "Fisherman's Selection" mit Kabeljau in Weißweinsauce, Shrimps und Hummerfleisch. Dazu Salat, frisches warmes Brot mit gesalzener Butter, ich bekomme gebratenen Kabeljau mit selbstgemachter Remoulade und Salat. Selbst die Pommes sind so gut, dass man die Kartoffeln noch erschmecken kann! Die Preise sind also definitiv nicht nur der Aussicht zuzuschreiben, sonder mehr als gerechtfertigt. Es ist einfach unglaublich lecker. Am Tisch neben uns feiert eine Großfamilie einen Geburtstag mit einem halben Dutzend Hummern. Ob wir das auch noch versuchen werden in diesem Urlaub...?

Eine Stunde später sind wir pappsatt, völlig begeistert und beschließen, mittags ab sofort häufiger auf selbstgemachte Sandwiches auszuweichen - dann können wir es uns nämlich noch einige Male leisten, hierhin zu gehen. Die Karte bietet noch einiges an kulinarischen Verlockungen!

23.9.06 19:27

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