Graue Riesen

Montag, 25.09.2006

Wasser, so weit das Auge reicht. Tief dunkles, rauhes Wasser. Nicht grau, nicht grünlich wie Nord- oder Ostsee - der Atlantik ist tief dunkelblau. Zumindest an der Stellwagen Bank nördlich von Cape Cod, einem der größten "feeding grounds" für beinahe alle Walarten. Der Himmel ist blau-grau, die Wolken, die an Land noch so weit entfernt schienen, hängen immer tiefer. Die vielen Wellenkämme und -täler gaukeln dem Auge nach kurzer Zeit Bewegungen und dunkle Schatten vor.

Wir warten.

Eine Stunde etwa ist die Dolphin VII um die Spitze von Cape Cod herum gefahren und dann nördlich zur Stellwagen Bank abgebogen. Es sind nicht allzuviele Menschen an Bord. Vierzig vielleicht, nicht viel für ein Schiff dieser Größe. Allerdings sind wir bereits um zehn Uhr morgens aufgebrochen - für die großen Touristenbusse noch zu früh. Uns gefällt der viele freie Platz auf dem Boot allerdings, wir können herum laufen, die besten Plätze zum Fotografieren einnehmen, auf allen Seiten Ausschau halten.

Ausschau nach Walen. Nach diesen unglaublichen, riesigen Lebewesen, die uns Menschen in so vielen Dingen überlegen und dennoch so sehr von unserem Wohlwollen abhängig sind. Whale Watching ist DER Tourismusmagnet schlechthin in New England. Nachdem Wale kommerziell in New England nicht mehr gejagt werden dürfen, machen die Menschen nun anderweitig Geld mit den grauen Riesen. 30 Dollar pro Person sind nicht wenig Geld, aber der Gedanke, dass alle Einnahmen auch der Wissenschaft und dem Schutz der Tiere zugute kommen sollen, lässt uns die bösen Gedanken an geldscheffelnde Touristenboote schnell beiseite schieben.

Etwa eine Stunde sind wir unterwegs, als weit vor uns eine Wasserfontäne aufsteigt. Beim ersten Mal kaum zu sehen, wir sind schließlich noch ungeübte whale watcher. Gut, dass ein Meeresbiologe an Bord ist, der über Mikrofon alles deutlich erklärt. Er bestätigt, was wir nach der zweiten Fontäne glauben - direkt vor uns ist ein Wal. Der Captain drosselt das Tempo, bis wir beinahe still auf dem Atlantik dümpeln. Wir sind dem Wal bis auf ein dutzend Meter nah gekommen. Zu sehen ist noch nichts... Wir warten. Plötzlich zeigt sich eine verblüffend kleine, etwas schiefe Rückenflosse und beinahe lautlos hebt sich der gewaltige Körper aus dem Wasser. Wir sehen den Wal nicht in seiner ganzen Größe, er schraubt sich ein wenig aus dem Wasser und taucht direkt mit dem vorderen Teil des Rumpfes wieder ein. Erstaunlich schmal scheint der Rücken aus unserer Perspektive, sehr glatt und weich. Ich stelle mir vor, wie sich dieser Rücken wohl anfühlt. Ich empfinde Neugier, ein bisschen Scheu, aber keinen Ekel, kein "nass-und-fischig-iiiih"-Gefühl. Ein paar Mal wiederholt sich das Spiel. Der Wal zeigt sich nicht komplett, aber er scheint keine Angst vor dem Boot zu haben. Plötzlich sehen wir erneut eine Wasserfontäne, direkt neben dem großen Körper. Ein Jungtier!

Wir haben eine Wal-Mutter mit ihrem Baby gefunden. Das Junge, etwa acht bis neun Monate alt, wie uns John erklärt, wurde in der Karibik geboren und hat mit seiner Mutter die lange Wanderung entlang der Ostküste der USA bis hierher gemacht. Nach der Zeit vor Cape Cod, also nach dem anstehenden Herbst wird die Entwöhnung des Babys beginnen - und dann tritt es den langen Weg nach Süden alleine an.

Die Mutter scheint sich keine Sorgen um ihr Junges zu machen. Geduldig tauchen sie immer wieder auf, gleiten trotz ihrer enormen Größe elegant und wie schwerelos durchs Wasser. Bis sie genug haben und in die Tiefe versinken - mit einem wunderbaren Schwung der gewaltigen Schwanzflosse. Ein wunderschöner, Ehrfurcht einflößender Anblick.

An diesem Vormittag sehen wir insgesamt sieben oder acht Wale. Nicht alle sehen wir so nahe und so genau wie die erste Walkuh mit ihrem Jungen. Doch alle Sichtungen sind unbeschreiblich - im Angesicht dieser Tiere wird uns die angesichts der begrenzten  menschlichen Kraft und Größe monströse Brutalität unserer Spezies erschreckend bewusst. Diese Tiere könnten uns mit einem Schlag ihrer Schwanzflosse erschlagen - doch sie sind friedlich und dulden uns in ihrem Lebensraum. Sie wiegen ein Vielfaches von uns, sind an ihren Lebensraum extrem angepasst und benutzen ihre Energie um soviel effektiver als der Mensch - und doch sind sie darauf angewiesen, dass wir Menschen sie und ihre Lebensräume schützen.

Wale sind unglaublich. Es war ein unvergessliches Erlebnis, ihnen so nahe zu kommen.

27.9.06 03:41

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