Little grey island...

Mittwoch, 27.09.2006

Nantucket. Teuerste Ferieninsel der USA. Millionärs-Nest. "Little grey island in the sea", wie die Einheimischen sagen. Nantucket.

Wenigstens eine der beiden, Cape Cod vorgelagerten Inseln wollten wir uns anschauen. Bekannter und viel größer ist mit Sicherheit Martha's Vineyard, doch für einen Tagesausflug ohne Auto empfahl Dan uns, Nantucket zu besuchen. Die kleine Insel ist optimal für einige Stunden, alles ist einfach zu Fuß zu erreichen, es gibt wenig Autoverkehr und eine hübsche kleine Stadt.

Die Überfahrt machen wir mit der High Speed Ferry der Steamship Authority. Das Schiff hat schon bessere Tage gesehen, die Tagesparkplätze in Hyannis sind unverschämt teuer und die Sitzplätze an Deck aus Stoff und völlig durchnässt. Was wir beide erst bemerken, nachdem wir uns gesetzt hatten... Die Rückfahrt machen wir mit der anderen Fährgesellschaft, soviel steht bereits fest, bevor wir Nantucket auch nur sehen können.

Wir beginnen unseren Besuch mit einem Spaziergang durch Nantucket Town. Sehr schnell ist uns klar, weshalb die Bewohner vom "little grey island" sprechen - in Nantucket überwiegen die einfachen "salt boxes", kleine Häuser ohne viel Schnick-Schnack, verkleidet mit grauen Schindeln. Die engen Gassen wirken idyllisch, das 150 Jahre alte, unregelmäßige Kopfsteinpflaster trägt zum Charme der Filmkulissen-gleichen Insel bei. Einige der kleinen Häuser am Hafen und in den Gassen der kleinen Stadt sind mit Rosenstöcken bewachsen, von Zeit zu Zeit bleibt der Blick an den größeren, feudal wirkenden alten Kapitäns-Villen hängen. Alles ist gepflegt, sauber, hübsch - aber wieso ausgerechnet hier der Geldadel der USA ein Vermögen lässt, um eine eigene kleine salt box zu erwerben, ist mir unbegreiflich. Nantucket ist nicht glamourös, nicht überwältigend schön, nicht außergewöhnlich - es gibt Orte, die viel eindeutiger "Reichtum" signalisieren. Vielleicht ist gerade diese Einfachheit, diese leicht rustikale Rauhheit der Insel der Grund für die ungebrochene Beliebtheit dieses Ortes..?

Auch hier finden sich wieder die typischen Touristenfallen New Englands - Läden für Kunsthandwerk oder Antiquitäten und viele Galerien. Dazwischen zwei oder drei Souvenirläden, doch sehr dezent und mit vergleichsweise hochwertiger Ware. Wo in Provincetown quietschbunte, mit kitschigen Reliefmotiven besetzte Bilderrahmen für den schönsten Urlaubsschnappschuss angeboten werden, gibt es auf Nantucket mit Muschelschalen besetzte Holzbilderrahmen oder handgeflochtene Körbe mit geschnitzen Seemotiven auf dem Deckel. Vorzugsweise als "scrimshaw", als Schnitzerei aus Walknochen, die es eigentlich nur noch in Museen zu sehen oder vereinzelt zu teuren Preisen versehen mit dem Hinweis "antique" oder "reycled material", also "altes Material" (sprich der Wal wurde bereits vor 150 Jahren erlegt), zu kaufen gibt.

Eine unglaubliche Menge an scrimshaw-Kunst bietet das Nantucket Whaling Museum. Mehrere Leute in den verschiedenen Geschäften haben uns dringend empfohlen, das Whaling Museum zu besuchen - "if you don't do anything else on this island - go there!". Der Besuch lohnt sich auf jeden Fall. Die Geschichte der Insel von den Anfängen als Wampanoag-Siedlung über die ersten Weißen, die sich hier niederließen, zu den Boomzeiten, als Nantucket eine der Walfang-Hauptstädte der Welt und ein Zentrum des amerikanischen Übersee-Handels war bis zur "recreation as artists' colony", als Künstlerkolonie, die schon in den 1880er und 1890er Jahren viele, viele Sommergäste anzog, ist hier zu sehen. Und natürlich - Wale.

Nicht nur scrimshaw, viele Ausstellungsstücke, die das Leben an Bord eines "whalers" illustrieren, sind hier zusammen getragen worden. Besonders beeindruckend ist die Eingangshalle - hier ist das Skelett eines Pottwales ausgestellt. Direkt daneben sieht man ein originales "whale boat", das typische kleine, sehr wendige Beiboot, von dem aus sechs Männer mit ihren Harpunen Jagd auf den Wal machten. Das Walskelett erscheint umso gigantischer, wenn man das kleine Holzboot - ohne Schutzmöglichkeit, ohne Hilfsmotor natürlich - daneben betrachtet. Gruselig, schockierend, unmenschlich - für Mensch und Wal. Die Geschichten rund um den Walfang braucht es da kaum noch - wie harpunierte Wale die Männer im whale boat über Meilen hinter sich herzogen, versuchten zu tauchen, rasend vor Schmerz die Boote angriffen, oder die Geschichte der "Essex", jenes Walfangschiffs, das 1821 von einem Pottwal versenkt wurde, deren Besatzung im Laufe der monatelangen Irrfahrt in den Beibooten zu Kannibalen wurde und die schließlich Hermann Melville zum berühmten Klassiker "Moby Dick" inspirierte...

Ergänzt wird die Ausstellung durch Schautafeln und Exponate, die das Leben der Quäker, der ersten Siedler illustrieren, die Geschäftsfrauen der "petticoat row" benennen, der Frauen der abwesenden Seeleute, die das gesamte Geschäftsleben Nantuckets in die eigenen Hände nahmen und des Überseehandels mit China. Nantucket war mal sehr wichtig - heute ist es "nur" sehr reich...

Nach zwei Stunden Geschichte und Geschichten ging es zurück in die Gassen des am Hafen liegenden Städtchens. Hier und dort schlenderten wir durch die Straßen, bewunderten die vielen Jachten (eines der wenigen deutlichen Indizien für die Zielgruppe der insel) und entschieden uns dann, für den Rückweg nicht wieder das hässliche Schnellboot zu nehmen, sondern die langsamere Fähre. Die Sonne schien, es war noch immer herrlich warm - die zwei Stunden auf dem Wasser waren ein wunderbarer Abschluss des Tages. Zumal uns bei der Hafenausfahrt ein seltener und ganz besonderer Anblick zuteil wurde - auf einem der großen Steine, die die Fahrrinne aus dem Hafen kennzeichnen, lag ein Seehund in der Sonne, beinahe regungslos und genoss das warme Wetter. Ein wunderschöner Anblick.

 

29.9.06 02:38

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